Warum wir uns alle mehr Zeit für einander nehmen sollten

Manche Tage oder Zeiten sind stressig. Wir jagen von einer Aufgabe zur nächsten, nehmen uns und unsere Umwelt nicht mehr wahr und sehen kein Licht am Ende des Tunnels. Unsere Augenringe werden immer größer und unser Schlaf immer schlechter. Dabei vergessen wir leicht: Wir sind nicht allein. Dies ist ein Plädoyer mehr Menschen in unser Leben zu lassen und freundlicher zu einander zu sein.

Der neue Kollege steht in meiner Tür und ist stolz auf sein neues Projekt. Er würde gerne meine Meinung hören. Ich mag ihn und mich interessieren seine Projekte. Aber er ist heute schon Kollege Nummer fünf in meiner Tür, dass Telefon klingelt auch schon und ich habe da diese wichtige Aufgabe, auf die ich mich vor einer halben Stunde schon unbedingt konzentrieren wollte. Weil sie für mich wichtig ist. Und weil ich an ihr gemessen werde.

Trotzdem möchte ich mir Zeit für diesen Kollegen nehmen. Denn ich glaube mittlerweile verstanden zu haben – auch wenn ich darin wirklich noch nicht sehr gut bin – dass wir netter zu einander sein sollten. Weil nicht viel von uns übrig bleibt, wenn wir uns nur auf die Arbeit konzentrieren und das unser einziger Lebensinhalt ist. Wir sind nämlich nich unsere Arbeit. Wir sind nicht unser Job.

„Oh, dir passt es wohl gerade nicht,…“ sagt der Kollege. Ich entgegne noch nein, nein, ich hätte immer Zeit für ihn. Aber mein Wunsch und die Entscheidung mir mehr Zeit für andere Menschen zu nehmen, reicht wohl nicht aus. Mein Gesicht sagte etwas anderes und der Kollege ließ sich nicht überzeugen.

Kurze Zeit später erreichte mich seine Nachricht über den Firmenchat: „Vielen Dank für deine Zeit.“

Mich trifft diese Nachricht wie ein Schlag.

Wenn Kollegen sich bei mir für fünf Minuten meiner Zeit bedanken, dann ist es wohl nicht weit her mit meiner Offenheit für andere.

Sicher, er wollte nur höflich sein und mir ein gutes Gefühl geben. Das ehrt ihn. Aber für mich ist es ein Zeichen, dass ich noch weiter an mir arbeiten muss, den Arbeitsstress nicht an mich heranzulassen. Auch bei ambitionierten Zielen und in stressigen Phasen.Wir sollten immer ein offenes Auge und Ohr für unsere Umwelt haben. Sonst zieht der Tag, die Woche und das Leben einfach an uns vorbei. Wir vergeben Chancen spannende Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu erfahren und verpassen es Wegbegleiter für unsere eigenen Abenteuer zu finden.

Aber die Aufmerksamkeit in das Hier und Jetzt und auf eine Person zu lenken, ist schwerer, als es klingt. Weil unser digitales Zeitalter und unser voller Terminkalender größere Anforderungen an uns stellt, als wir erfüllen können. Wir tragen mehr Rechenleistung in der Hosentasche, als man bräuchte um eine Rakete zum Mond zu schicken. Also glauben wir, dass wir alles könnten. Am besten bis gestern.

Das ist ein Trugschluss, weil es uns diese Produktivität mit lauter losen Enden in unserem Gehirn überlastet. Diese losen Enden zu ertragen und genügend Aufmerksamkeit für den Moment zu haben, ist eine der größten Herausforderungen unseres Alltags. Sie entscheidet darüber, welches Leben wir leben.

 

Foto: Matt Collamer

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